PRAXISWISSEN · ANDREAS BORK CONSULTING
Cobot ohne Schutzzaun: Was muss vorab geklärt sein?
Bevor über einen Schutzzaun entschieden wird, muss die tatsächliche Arbeit an der Anlage verstanden werden. Diese Fragen helfen Ihnen, das Planungsgespräch vorzubereiten.
Von Andreas Bork · Stand: 11. Oktober 2026
DIE KURZE ANTWORT
Darf ein Cobot ohne Schutzzaun arbeiten?
Eine Anwendung ohne Schutzzaun kann möglich sein. Aus dem Namen „Cobot“ allein folgt jedoch keine Freigabe. Entscheidend ist, wie die gesamte Anwendung gestaltet ist und welche Gefährdungen für Menschen entstehen. Dazu gehören neben dem Roboter auch Werkzeug, bewegtes Produkt und Umgebung.
Die DGUV beschreibt ausdrücklich die Betrachtung von Roboter, Endeffektor und bewegten Gegenständen. Für die Planung ist deshalb die vollständige Aufgabe der Ausgangspunkt.
PROJEKTVORBEREITUNG
Sechs Fragen für das erste Planungsgespräch
- Welche Aufgabe soll automatisiert werden? Beschreiben Sie Aufnahme, Transport und Ablage sowie die Produktvarianten. „Palettieren“ ist dafür noch zu allgemein.
- Wer arbeitet wann in der Nähe? Halten Sie fest, wo Bedienpersonal steht, welche Wege genutzt werden und wer Material nachfüllt.
- Wie sehen Greifer und Produkt aus? Stellen Sie Zeichnungen oder Fotos, Abmessungen und Gewichte bereit. Eine Änderung des Produkts kann auch die Bewertung der Anwendung verändern.
- Wie werden Störungen beseitigt? Beschreiben Sie einen verkanteten Karton oder einen fehlgeschlagenen Greifvorgang aus Sicht der Person, die helfen muss.
- Welche Schutzidee ist vorgesehen? Dokumentieren Sie vorhandene Schutzeinrichtungen und Sicherheitsfunktionen. Die Auswahl und ihre Wirksamkeit müssen zur konkreten Gefährdung passen.
- Was ist bereits nachgewiesen? Sammeln Sie vorhandene Bewertungen und Prüfunterlagen mit Versionsstand. Trennen Sie nachgewiesene Eigenschaften von noch offenen Annahmen.
GENAUER HINSEHEN
Warum der Greifer die Fragestellung verändert
Bei einer Anwendung mit Leistungs- und Kraftbegrenzung sind mögliche Kontakte zu bewerten. Dabei spielen unter anderem Geometrie und Kontaktfläche eine Rolle. Das Verhalten des Roboterarms allein beantwortet die Frage nach der Sicherheit eines Kontakts mit Werkzeug oder Werkstück nicht.
Je nach Anwendung können Messungen von Kräften und Drücken sowie weitere Nachweise erforderlich sein. Welche Prüfungen notwendig sind, ergibt sich aus der konkreten Bewertung. Eine allgemeine Produktbeschreibung ersetzt diese Festlegung nicht.
FIKTIVES PRAXISBEISPIEL
Eine Palette steht anders als geplant
Fiktives Praxisbeispiel – kein tatsächlich durchgeführtes Kundenprojekt.
Ein Projektteam plant eine kompakte Palettierzelle. Im ersten Layout sind Roboter und Palette eingezeichnet. Im Planungsgespräch ergänzt die Produktion, dass Mitarbeitende leere Paletten seitlich zuführen und gelegentlich verrutschte Kartons richten sollen.
Damit entstehen konkrete Fragen: Wo befindet sich die Person während dieser Tätigkeiten? Wie wird der erforderliche Anlagenzustand hergestellt? Was verhindert einen unerwarteten Wiederanlauf? Und wie wird mit einer anders positionierten Palette umgegangen?
Als nächster Arbeitsschritt werden die Tätigkeiten im Layout ergänzt und einer offenen Punkte-Liste zugeordnet. Das Beispiel zeigt eine sinnvolle Vorbereitung des Sicherheitskonzepts. Es sagt noch nicht aus, welche Schutzlösung für eine reale Anlage ausreichend wäre.
ERGEBNIS DES ERSTGESPRÄCHS
Eine klare Aufgabe für das Projektteam
Für einen guten Einstieg muss nicht jede Detailfrage beantwortet sein. Hilfreicher als eine ungeordnete Dokumentensammlung ist eine kurze Übersicht: Das wissen wir bereits, diese Annahmen müssen wir prüfen und dafür fehlt noch eine Information.
Ich unterstütze dabei, die offenen Fragen zu strukturieren und den weiteren Betrachtungsumfang abzustimmen. Mehr dazu finden Sie unter Robotersicherheit und Sicherheitskonzepte. Für die Vorbereitung hilft die Unterlagenliste für eine Roboterzelle.
FACHLICHE EINORDNUNG
Weiterführende Quellen
Dieser Beitrag unterstützt die Projektvorbereitung; die Bewertung einer konkreten Anwendung erfolgt gesondert. Normausgaben, rechtlicher Rahmen und erforderliche Nachweise sind projektbezogen zu prüfen.
- DGUV/IFA: Kollaborierende Roboter – Betrachtung der gesamten Anwendung.
- DGUV FB HM-080, Ausgabe 08/2017 – Hintergrund zu Leistungs- und Kraftbegrenzung; ältere Veröffentlichung, keine Bestätigung des heutigen Normenstands.
- ISO 10218-2:2025 – Sicherheit industrieller Roboteranwendungen und Roboterzellen.
Lassen Sie uns Ihre Anwendung besprechen.
Nennen Sie Anlagentyp, Projektstand und Ihre wichtigste offene Frage. Gemeinsam klären wir den sinnvollen nächsten Schritt.